JURYBEGRÜNDUNG – KATEGORIE: Wissenschaft und Bildung

Unser Land ist geprägt von vielfältigen ethnischen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten- diese Vielfalt stellt sowohl eine Bereicherung als auch eine Herausforderung dar. Mit Ihrem Veröffentlichungen und Ihrem Auftreten hat sie nicht nur ausländischen Jugendlichen, insbesondere Frauen zu Zuversicht verholfen, sondern hat auch den gesellschaftlichen Dialog angeregt und wichtige Impulse für die Verständigung untereinander gesetzt. Sie scheut sich nicht davor, in unangenehmen Kontexten mit dem Finger auf bestehende Diskriminierungen hinzuweisen. Sie hat den Opfern von Diskriminierung eine Stimme gegeben. Eine kritische Wissenschaftlerin, wohlwollende Ratgeberin, eine ehrliche Ansprechpartnerin – eine Person, von der man sich sicher ist, dass sie nur Gutes im Sinne hat und nicht instrumentalisiert.

LAUDATIO FÜR PROF. DR. URSULA BOOS-NÜNNING

Die Kollegin Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning hat sich immer wieder für ein faires Miteinander in einer mehr denn je von Diversität und von Mobilität geprägten Welt eingesetzt.

Sie hat hier besonders die Bereiche in den Blick genommen, wo das Zusammenle- ben durch eine unhistorische, nationalistisch verfälschte Sichtweise gefährdet wird. Denn genau diese Sichtweise wird zu einem Einfallstor für eine paternalistische und oft genug sexistische, ja rassistische Praxis gegenüber dem Anderen. Es ist kein Zufall, wenn dabei grundsätzlich alle nichtwestlichen Eingewanderten, die Newcomer selbst genauso wie deren Kinder und Enkel ins Blickfeld geraten. Es sind gerade diese Menschen, bei denen jede erfolgreiche gesellschaftliche Platzierung verhindert wird und denen immer wieder neue Steine in den Weg geworfen werden.

Als empirisch orientierte Soziologin hat Ursula Boos-Nünning immer wieder eine solche Praxis kritisiert. Und sie hat sich dabei oft genug auch auf ihre eigene Forschung bezogen und die durch eine solche Praxis hervorgerufenen Probleme belegt. Sie hat die diskriminierten, ethnisierten und diskreditierten Bevölkerungsgruppen in der konkreten Situation immer wieder nach Kräften beraten, ermutigt und auch öffentlich unterstützt. Ihr Ziel war dabei einfach mehr Fairness und Gerechtigkeit zu erreichen.

Ein besonders typisches Beispiel stellt ihre Arbeit über die “Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund” dar, die vor einigen Jahren unter dem Titel “Viele Welten leben” publiziert wurde. Hier macht sie deutlich, wie unsach- gemäß, ja geradezu boshaft eine ganze Bevölkerungsgruppe eingeschätzt wird. Sie macht offenkundig, dass diese Einschätzung aus einem realitätsfernen nationalistisch geprägten Weltbild resultiert. Denn tatsächlich unterscheiden sich die Pluralität der Lebensweisen und die Lebensorientierungen bei dieser Bevölkerungsgruppe in nichts von der entsprechenden Pluralität der Lebensweisen und den Lebensorientierungen der übrigen vergleichbaren Bevölkerung.

Prof. Dr. Wolf  Dietrich-Bukow