JURYBEGRÜNDUNG – KATEGORIE: LITERATUR

Dr. Thies hat mit seinen Werken den gesellschaftlichen Dialog angeregt und wichtige Impulse zur Verständigung beigetragen. Dank ihm war es möglich, die Hintergründe der gesellschaftlichen Strukturen zu erkennen und Aspekte, die einem normalerweise „fremd“ vorkommen, besser einzuordnen. Die historische Aufarbeitung des Status quo, die ihm vortrefflich gelingt, führt zu einer differenzierten Auseinandersetzung der Aspekte, die den „Anderen“ anders erscheinen lassen. Als ein Mensch, der selbst erfahren hat, was es bedeutet, aufgrund seiner Abstammung „anders“ zu sein, ist sein Blick auf die sonst scheinbar unsichtbaren Hürden des Dialogs geschärft. Er hat es stets geschafft, diese Hindernisse zu überwinden und Menschen, die sich dem Dialog gewidmet haben, den Weg zu weisen.

LAUDATIO FÜR DR. JOCHEN THIES

Sehr verehrter Dr. Thies, lieber Jochen,

bei allem Respekt und aller Wertschätzung, die ich für deine Arbeit, dein Leben und vor allem für dich persönlich empfinde … – ich war schockiert, als es hieß, ich solle auf dich die heutige Laudation halten.

Was?? Wird jetzt der eine oder die andere hier im Saal denken. So fängt man doch keine Lobrede an!

Stimmt. Aber wie sonst kann ich mein vorhersehbares Scheitern, die peinliche Blamage, die mir jetzt bevorsteht, abmildern oder gar entschuldigen?

Eine Lobrede auf einen begnadeten Redenschreiber  – was gibt es Schlimmeres?!

In seinem überaus abwechslungsreichen Berufsleben hat Jochen Thies als Journalist in allen Sparten gearbeitet, im Radio, im Fernsehen, bei einer Tageszeitung und bei einer internationalen Fachzeitschrift. Er hat historisch geforscht und medienwissenschaftlich gelehrt. Seine Publikationsliste umfasst 19 Seiten, Bücher, Buchbeiträge, Fachartikel und Essays, die vielen vielen journalistischen Beiträge noch gar nicht mitgerechnet.

Aber was mich heute hier zittern lässt, ist, dass er 1980-82 – damals warst du so alt wie ich heute – dass er damals Stellvertretender Leiter der Redenschreibergruppe von Helmut Schmidt war. Anders gesagt: Er hat die Reden für den Bundeskanzler geschrieben, der als der einer der begnadetsten Rhetoriker der deutschen Geschichte gefeiert wird.

Heute feiern wir dich.

Wir feiern dich als Mensch, der mit seinen Worten die Welt verändert. Immer wieder gelingt es dir, Aspekte, die einem normalerweise ,,fremd“ vorkommen, so zu erklären, dass sie einem vertraut werden. Es gibt kein größeres Vergnügen als mit dir durch die Welt zu spazieren: Egal ob in New York in Albanien, oder wie diese Woche in Äthiopien… an deiner Seite konnte ich immer wieder wunderbare Zusammenhänge entdecken. Mit deinen pointierten Geschichten, mit deinen eleganten Formulierungen, mit jedem präzise gesetzten Wort schlägst du Brücken – egal ob zwischen meiner Heimatstadt Schwerte und der großen weiten Welt, ob zwischen unserer kurzen Gegenwart und langen Geschichte oder zwischen ahnungslosen Kleingeistern und großartigen Denkern.

Kurz vor Kriegsende in Ostpreußen geboren, begann sein Leben mit einer Flucht. Er studierte in Kiel über Freiburg nach Köln, wirkte als Lehrer in Baden-Baden und Karlsruhe, im Schwarzwald und in Hamburg. Er arbeitete in London, Bonn, Berlin und Durham, und reiste gedanklich von Hitler zu Bismarck, von den Moltkes zu den Dohnányis. Er beschäftigte sich mit Europäischer Integration, deutschem Föderalismus und nach dem Ende der Teilung mit den Herausforderungen der deutschen Wiedervereinigung.

Du machst, lieber Jochen, Weltreisen im Kopf und Gedankensprünge auf dem Papier! Nicht nur dein Leben und Wirken ist voller Vielfalt, nein, die Vielfalt steckt in dir selbst. Deine Neugier, deine Intelligenz, dein Witz und vor allem dein Herz zeigen: Du hast dir aus allem das Beste herausgepickt und in dir vereint. Du überwindest nicht nur die Grenzen im Denken, sondern auch die vielen unsichtbaren Hürden im Dialog. Du bist, was man „Mann von Welt“ nennt, und du bist ein Mensch der Menschlichkeit!

Es ist mir Freude und Ehre, dass ich als Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung, aber vor allem als Freund von deiner Weitsicht und von deiner Weisheit profitieren darf. Vielen Dank!

Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Berliner Stiftung Dialog und Bildung (Laudatio: Dr. phil. Jochen Thies)